Bauwirtschaft vor herausfordernden Zeiten

Branchenverbund sieht dennoch Potenziale für die Branche — Sorge wegen geopolitischer Lage auf mittel- und langfristiger Entwicklung

Person im blauen Anzug ©WKOÖ
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10.11.2022

2022 hat für den Bausektor vielversprechend begonnen. Nach einer dynamischen ersten Jahreshälfte war zuletzt die Auftragsentwicklung rückläufig. „Im Vergleich mit anderen Branchen hat die Bauwirtschaft die Krisen der Vergangenheit relativ unbeschadet überstanden. Die hohen Energiekosten machen jetzt aber uns allen zu schaffen. Wir sind nun mit enormen Hürden konfrontiert, die es gemeinsam zu stemmen gilt“, sagt Bau-Landesinnungsmeister Norbert Hartl. Im Branchenverbund rechnet man damit, dass das Wachstum der Branche in den kommenden Jahren nachlässt. In einigen Sektoren werden sogar massive Auftragseinbrüche befürchtet.

„Teuerungen, zusätzliche CO2-Steuern, hohe Energiepreise, steigende NoVA, Kreditklemmen bei Privaten oder eine sinkende Kaufkraft durch die Inflation sind nur einige Knackpunkte, die auf uns zukommen. Es besteht Handlungsbedarf, insbesondere für die Politik“, betont Hartl. Alleine aufgrund der CO2-Bepreisung müsse mit steigenden Baustoffkosten gerechnet werden, was zum Nachfrageeinbruch beim Privatbau führe. Aber auch im Industrie- und Gewerbebereich beginnt die Nachfrage zu bröckeln. „Mit diesen Aussichten werden sich nächstes Jahr keine überzogenen Lohnerhöhungen ausgehen. Massive Arbeitslosigkeit im Bauhauptgewerbe und Insolvenzgefahr für viele Unternehmen sind andererseits zu befürchten. Denn die extremen Anstiege bei Energiekosten und Baupreisen lassen sich am Markt nicht durchsetzen“, warnt Hartl. Um die Bauwirtschaft auf die bevorstehenden Herausforderungen bestmöglich vorzubereiten, sieht er in den Bereichen Bauforschung, Digitalisierung sowie ständiger Weiterbildung die wesentlichen Ansatzpunkte.

„Ständig auf Krisenmodus zu sein, fordert die Unternehmen“, sagt Martin Greiner, Landesinnungsmeister des Bauhilfsgewerbes mit 18 verschiedenen Berufsgruppen. „Einzelne Berufsgruppen haben bereits große Einbrüche zu verzeichnen und jedes einzelne Unternehmen hat seine eigenen Probleme zu meistern. Ungeachtet dessen sind wir weiter optimistisch, zumal wir trotz ständiger Krisenverschärfungen immer wieder derartige Situationen im Sinne aller bewältigen können.“

Meldungen über geschlossene Ziegelwerke, Auftragseinbrüche im privaten Hausbau und Projektverschiebungen trüben die Stimmung auch beim Eisen-, Baustoff- und Holzhandel. Zu erwarten ist eine Preisschlacht und somit ein deutlicher Ertragsrückgang bei steigenden Kosten. Die Bestellungen für Keller wie Rohbau bleiben aus und auch die Anfragen für einen Baustart 2023 fehlen im sonst üblichen Ausmaß. Die Auswirkungen der angekündigten Stilllegungen europäischer Stahlwerke aufgrund hoher Energiekosten auf die Warenverfügbarkeit kann noch nicht realistisch prognostiziert werden. Das Einkaufspreisniveau pendelt kurzfristig in geringen Ausschlägen nach oben bzw. unten. „Für den Baustoff-, Eisen- und Holzhandel gilt es nun, Chancen zu erkennen, Risiken abzusichern und Handlungsalternativen zu entwickeln. Zweckoptimismus und Vogelstraußpolitik sind aus meiner Sicht keine erfolgsversprechenden Lösungsvarianten“, erklärt Josef Simmer, Landesgremialobmann des Baustoff-, Eisen- und Holzhandels.

Die Lage im Holzbau ist wegen steigender Energiekosten ähnlich angespannt, aber stabil. „Unsere rund 450 Mitgliedsbetriebe sind leistungsstark und regional verankert. Sie können vom Kleinstauftrag bis zum mehrgeschossigen Wohn- oder Industriebau alles abdecken. Holz sowie Holzprodukte sind verfügbar und die Preissituation ist solid. Der Holzbau wird aufgrund seiner Eigenschaften und anstehender Zukunftsthemen wie Klimawandel und Bodenversiegelungen nicht das Problem, sondern die Lösung sein“, ist Holzbau-Landesinnungsmeister Josef Frauscher überzeugt.

Die Auftragslage in der Innung der Dachdecker, Glaser und Spengler ist laut Landesinnungsmeister Othmar Berner „noch gut, aber die geballten Krisen trüben auch hier die Stimmung“. Die gute Bilanz im vergangenen Jahr und den letzten Monaten sorgte für stabile Entwicklung. „Auch wenn die Auftragslage vielfach als zufriedenstellend angesehen wird, sind wir mit dem enormen Fachkräftemangel und immer noch mit der Aufarbeitung der 2021 entstandenen Hagelschäden konfrontiert. Verzögerungen sorgen hier für Unmut bei manchen Kunden. Um aktuellen Aufträge abzuarbeiten, wird dringend Personal benötigt. Das gilt für die gesamte Branche“, so Berner.


Mit mehr als 100.000 Mitarbeitern ist Bauwirtschaft größter Arbeitgeber in OÖ

Der Branchenverbund Bauwirtschaft OÖ mit den 5 Fachgruppen Bau, Bauhilfsgewerbe, Baustoff-, Eisen- und Holzhandel, Dachdecker, Glaser und Spengler sowie Holzbau besteht seit 2019 und kann auf zahlreiche Synergieeffekte, wie zum Beispiel Wissenstransfer, nachhaltige Effekte im Personalbereich sowie gemeinsame Weiterbildungsmaßnahmen von Mitgliedern zurückblicken.

„Insgesamt bündeln wir rund 9000 Mitglieder. Etwa 100 gewählte Funktionäre sind ehrenamtlich als Vertreter der Mitgliedsbetriebe in den einzelnen Ausschüssen tätig“, sagt Markus Hofer, Geschäftsführer des Branchenverbunds. Das Bindeglied über alle Gewerke ist der Bauherr bzw. das Bauvorhaben, das im Endeffekt über alle Fachgruppen umgesetzt wird. „Wichtig ist der Erhalt der Eigenständigkeit der einzelnen Fachgruppen mit gleichzeitiger Nutzung der gemeinsamen Strukturen“, so Hofer. Mit deutlich über 100.000 Mitarbeitern ist die Bauwirtschaft der mit Abstand größte Arbeitgeber in OÖ und stellt jeden vierten Arbeitsplatz. Hofer: „Die Bauwirtschaft ist eine zentrale Säule für Stabilität und Wohlstand in unserem Bundesland.“